›Und was hat das mit mir zu tun?‹
Perspektiven der Geschichtsvermittlung zu Nazismus und Holocaust
in der Migrationsgesellschaft


WORKSHOP / WISSENSCHAFTLICHE KONFERENZ
Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien VWI
Büro trafo.K & Dirk Rupnow
in Kooperation mit Mauthausen Memorial

17.–20. November 2011
Bruno Kreisky Forum für internationalen Dialog
Armbrustergasse 15, A-1190 Wien


Die Erinnerung an den Nazismus und seine Massenverbrechen, die ein zentraler Bestandteil österreichischen (und europäischen) Geschichtsbewusstseins sowie ein zentrales Handlungsfeld für österreichische (und europäische) Identitäts- und Geschichtspolitik ist, befindet sich derzeit in einem tiefgreifenden Wandlungsprozess. Erinnerungskulturen verändern sich derzeit nicht nur vor dem Hintergrund des generationellen Wechsels und internationaler Politiken, sondern nicht zuletzt auch auf Grund von Migration: Dies bringt eine Diversifizierung der Perspektiven mit sich und verweist auf unterschiedliche historische Erfahrungen, Erinnerungen und Tradierungen. So fordert der Fokus auf die Realität der postkolonialen, postnazistischen Migrationsgesellschaft Selbstverständnisse und Erinnerungskulturen der Mehrheitsgesellschaft heraus. Doch obwohl die Geschichte von Nazismus, Holocaust und Zweitem Weltkrieg voller transnationaler Bezüge ist, bleiben diese häufig in der klassischen Geschichtsvermittlung in Schulen oder Gedenkstätten unbeachtet. Vor allem im Schulunterricht dominiert immer noch der national formatierte Blick auf die Vergangenheit.

Eine differenzierte Auseinandersetzung mit den spezifischen Perspektiven für
Geschichtsvermittlung zum Nazismus, seinen Massenverbrechen und dem Zweiten Weltkrieg in Migrationsgesellschaften stellt ein Desiderat dar.
Die Veranstaltung konnte das Thema in seinen europäischen und globalen
Kontexten diskutieren und seine unterschiedlichen Dimensionen ausloten.
Neben pädagogischen wurden dabei auch spezifisch museologische Implika-tionen, etwa für die Gedenkstättenarbeit, berücksichtigt.
Eingeladen wurden deutschsprachige und internationale ExpertInnen aus den
Gebieten Geschichtsvermittlung, Migrationspädagogik und Museologie bzw.
Gedenkstättenarbeit, HistorikerInnen und Kultur- und Sozialwissenschaf-terInnen.

Die Mischung aus Workshop und Konferenz trug der Komplexität
des Themas und dem dementsprechenden Diskussions- und Gesprächsbedarf
Rechnung. Nach einem eröffnenden Abendvortrag wurden in einem
Workshop-Segment drei Themenfelder mit den geladenen ExpertInnen diskutiert:
1) Marginalisierte Erinnerungen zu Nazismus, Zweitem Weltkrieg und
Holocaust; 2) Geschichtsvermittlung in postnazistischen Migrationsgesellschaf-
ten; 3) Gedenkstätten als Kontaktzonen. Das darauf folgende Konferenz-Segment widmete sich den drei Themen in drei aufeinander folgenden Panels. Diese begannen jeweils mit kurzen Keynote Lectures, die von weiteren Exper-tInnen kommentiert und dann im Plenum diskutiert wurden. Dabei konnten die Gespräche aus den Workshops einfließen.

Mit Unterstützung von Fondation pour la Mémoire de la Shoah, Paris.


PROGRAMM

17. November 2011

18:00-20:00
Begrüßung: Dirk Rupnow, Nora Sternfeld, Béla Rásky
Keynote Lecture: Samia Essabaa
Experiences from Teaching the Holocaust to Muslim Students in France
Moderation: Dirk Rupnow


18. November 2011

9:00-9:30
Einführung: Dirk Rupnow, Nora Sternfeld

9:30-13:00
Workshop 1: Marginalisierte Erinnerungen zu Nazismus,
Zweitem Weltkrieg und Holocaust

Im Zentrum des ersten Themas stehen Perspektiven einer transnationalen
Erinnerungskultur. Welche Geschichtsbezüge werden bisher marginalisiert?
Welche Fragen an Geschichte werden dadurch dethematisiert? Und was bedeutet
das (besonders für postnazistische) europäische Gesellschaften und im
schulischen Setting? Wie kann eine multiperspektivische Historiografie als
Basis der geteilten Gegenwart in Migrationsgesellschaften aussehen? Welche
geschichtspolitischen Implikationen sind damit verbunden und inwieweit
werden dabei gängige Vorstellungen von Multiperspektivität herausgefordert.

ExpertInnen: Elke Gaugele, Viola Georgi, Araba Evelyn Johnston-Arthur,
Serhat Karakayali, Radostina Patulova, Ljiljana Radonic, Karl Rössel,
Marika Schmiedt, Aretha Schwarzbach-Apithy
Moderation: Ines Garnitschnig

Workshop 2: Geschichtsvermittlung in postnazistischen
Migrationsgesellschaften

Das zweite Thema widmet sich Fragen der Vermittlung und stellt unterschie-
dliche Zugänge - von der Geschichtsdidaktik über die Migrationspädagogik bis zur Holocaust Education - zur Diskussion. Wie können der Nazismus, der Zweite Weltkrieg und die nazistischen Massenverbrechen jenseits des Nationalstaats-paradigmas in Schulen und Gedenkstätten verhandelt werden? Wie lassen sich Verstrickungen und Kontinuitäten nach 1945 vermitteln? Welche Ansprüche können und sollen an die Vermittlung herangetragen werden? Zur Diskussion stehen dabei Ziele, Ansätze und Methoden genauso wie Erfahrungen aus der Praxis.

ExpertInnen: Gertraud Diendorfer, Maria Ecker, Peter Larndorfer,
Paul Mecheril, Astrid Messerschmidt, Alexander Pollak, Rubia Salgado,
Heribert Schiedel
Moderation: Nora Sternfeld

Workshop 3: Gedenkstätten als Kontaktzonen
Der dritte thematische Schwerpunkt fragt nach der Rolle und dem Potential
von Gedenkstätten im Rahmen pädagogischer Vermittlungsarbeit in Migrations-
gesellschaften. Mit dem Begriff der ›Contact Zone‹ denken James Clifford und Mary Louise Pratt Museen und Bildungsprozesse als Verhandlungsräume. In ›Kontaktzonen‹ kann die Bedeutung der Geschichte für die Gegenwart vor dem Hintergrund unterschiedlicher Zugänge, Ausgangspositionen und Machtver-hältnisse ausgehandelt werden. Inwiefern lässt sich diese postkoloniale Reklamation für Gedenkstätten zu den nazistischen Verbrechen produktiv machen? Welche Herausforderungen stellen sich einer Gedenkstättenarbeit zwischen der Auseinandersetzung mit der konkreten Geschichte und ihrer Bedeutung für die Gegenwart?

ExpertInnen: Matthias Heyl, Yariv Lapid, Andrés Nader, Siegfried Mattl,
Léontine Meijer-van Mensch, Katrin Pieper, Iannis Roder, Cornelia Siebeck
Moderation: Dirk Rupnow

Panel 1: Marginalisierte Erinnerungen zu Nazismus,
Zweitem Weltkrieg und Holocaust


14:30-16:00
Keynote: Araba Evelyn Johnston-Arthur
Wie lässt sich Schwarze österreichische Geschichte in einem post-kolonialen, post-nazistischen Raum erzählen?
Kommentar: Radostina Patulova, Karl Rössel, Marika Schmiedt

16:30-18:00
Keynote: Viola Georgi
Geschichte(n) in Bewegung. Zur Aneignung, Verhandlung und Konstruktion von Geschichtsbildern in der deutschen Migrationsgesellschaft
Kommentar: Elke Gaugele, Serhat Karakayali, Ljiljana Radonic,
Aretha Schwarzbach-Apithy
Moderation: Ines Garnitschnig


19. November 2011

Panel 2: Geschichtsvermittlung in postnazistischen Migrationsgesellschaften

9:00-10:30
Keynote: Paul Mecheril
Nicht besonders besonders. Zur Aneignung der historischen Tatsache des Holocaust in der Migrationsgesellschaft
Kommentar: Gertraud Diendorfer, Peter Larndorfer, Heribert Schiedel

11:00-12:30
Keynote: Astrid Messerschmidt
Erinnerungsbeziehungen in den Nachwirkungen des Nationalsozialismus
Kommentar: Alexander Pollak, Maria Ecker, Rubia Salgado
Moderation: Nora Sternfeld

Panel 3: Gedenkstätten als Kontaktzonen

14:00-15:30
Keynote: Yariv Lapid
›Was hat es mit mir zu tun?‹ Das Vermittlungskonzept an der Gedenkstätte Mauthausen
Kommentar: Iannis Roder, Léontine Meijer-van Mensch, Siegfried Mattl

16:00-17:30
Keynote: Matthias Heyl
›Conflicting Memories‹ – Die KZ-Gedenkstätte als Ort diskursiver Praxis und ›Kontaktzone‹
Kommentar: Cornelia Siebeck, Katrin Pieper, Andrés Nader
Moderation: Dirk Rupnow


20. November 2011

Exkursion
9:00–10:30
Gedenkstätte im Brigittenauer Gymnasium
10:30–19:30
KZ-Gedenkstätte Mauthausen

(Bustransfer Wien-Mauthausen-Wien)


Die Veranstaltung steht im Zusammenhang mit dem Forschungs- und Vermitt-lungsprojekt ›Und was hat das mit mir zu tun?‹ Transnationale Geschichtsbilder zur NS-Vergangenheit, das im Rahmen des ›Sparkling Science‹-Programms des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung gefördert wurde.




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Download:
KONFERENZ_Folder.pdf
KONFERENZ_Abstracts.pdf

Projektinformation allgemein
›Und was hat das mit mir zu tun?‹

Präsentationen Gedenkstätte Karajangasse:
Gespräche zu Geschichtsvermittlung 1
Gespräche zu Geschichtsvermittlung 2
Gespräche zu Geschichtsvermittlung 3

Link:
http://www.sparklingscience.at/
http://www.borg20.at/
http://www.vwi.ac.at/